Christian Angerer ist seit 1985 in der Medienbranche tätig. Seine Leidenschaft ist die cineastische Porträt- und Modefotografie, hauptsächlich in Schwarz-Weiß. Mit seinen Unternehmen arbeitet er für nationale und internationale Kunden. Für seine Arbeit erhielt er zahlreiche Auszeichnungen auf dem internationalen Parkett, darunter ADC und Cannes Lions.

FAQs


Du verwendest wirklich nicht Photoshop für die Nachbearbeitung Deiner Bilder?


In der Regel, nein. Ich bearbeite fast alle Bilder mit Licht und Schatten. Für mich ist die wahre Schönheit bei Frauen und Männern die Echtheit und Authentizität. Es sind die feinen Charakterzüge wie das Geheimnis, die Intimität, die Bewegungen, die Augenblicke, aber auch die Emotionen und die Ehrlichkeit. Das versuche ich herauszufinden und gemeinsam mit der Person, die ich fotografiere, herauszuarbeiten. Und es gibt in fast jedem Menschen etwas Besonderes, ein Geheimnis.

 


Findest Du auch Falten und Zeichen des Alterns schön?


Viele Instagram-Bilder sind heute via Face App und Co manipuliert, glatt und verfremdet, ein echter Identitätsdiebstahl. Es gibt einen Drang zur absoluten Perfektion, der im realen Leben nicht aufrechtzuerhalten ist und deshalb viele Menschen frustriert und krank macht. In Norwegen wurde mittlerweile ein Gesetz erlassen, Menschen die retuschiert wurden, zu kennzeichnen. Es geht unter anderem darum, zu verhindern dass sich viele Jugendliche unters Messer für eine Schönheits-OP legen und psychisch erkranken. Ich persönlich fände es auch langweilig und ziemlich prätentiös, Frauen und Männer in stundenlangen Photoshop-Schönheitsoperationen ihrer Identität zu berauben.

 


Deine Leidenschaft ist Schwarz-Weiß oder fotografierst Du auch in Farbe?


Schwarz-Weiß ist für mich persönlich intimer. Es geht unter die Oberfläche. Das Monochrome überlässt auch mehr der Fantasie. Es ist geheimnisvoll und ausdrucksstark. Ich habe schon die Schwarz-Weiß-Ansicht im Sucher, aber ich schieße die Bilder in Farbe. Manchmal entwickle ich auch parallel in Farbe und Schwarz-Weiß, wenn beides stark ist oder ausdrücklich gewünscht wird. Oft gewinnt Schwarz-Weiß. Allerdings möchte ich nicht nur monochrom fotografieren. Das würde mich der wunderbaren Möglichkeit berauben, die im Schwarz-Weiß-Bild vorhandenen Farben nicht selektiv bearbeiten zu können.

 


Es spielt keine Rolle, ob es sich um Hollywood-Schauspieler oder Menschen wie Du und ich handelt. Auf Deinen Bildern sehen sie alle besonders authentisch aus.


Wir Werber, Fotografen und Regisseure sind oft viel zu oberflächlich in unserer visuellen Wahrnehmung. Wir sehen gerne das schnelle Vordergründige, das Auffällige, statt das Verborgene.
Es gibt so viele technisch versierte Fotografen und Regisseure, dennoch vermisse ich oft das Storytelling, das Subtile und Besondere in den Werbespots, TV-Shows oder Spielfilmen. Dafür braucht man ein offenes, neugieriges, wachsames Auge. Jeden Tag aufs Neue.

 


Gibt es Tipps, die Du weitergeben kannst?


Menschen, Charaktere und Seelen sind unterschiedlich und nicht linear. Sie bewegen sich wie Flüsse und darauf sollte man sich einlassen und die Geschichte einfangen, die dieser Mensch einem zu erzählen erlaubt.

 


Wie bereitest Du Shootings vor?


Ähnlich wie bei einem Filmdreh. Nur entsprechend angepasst. Skizzen von Einstellungen. Das Set ist eine Bühne – ob gebaut oder natürlich – und hier muss sich der Schauspieler wohlfühlen und aus sich herausgehen können. Jedem Dreh liegt ein Konzept zugrunde. Es ist das klassische Storytelling.
Bei einem Spielfilm erzählen Tausende von Einzelbildern eine Geschichte. Und genau das ist die Aufgabe. Ein Foto muss wie ein Film sein und in der Lage sein, eine Geschichte in nur einem Bild zu erzählen. Das ist manchmal sehr viel schwieriger.

 


Wen würdest Du gerne fotografieren?


Ich fotografiere eine faltige, lachende Oma mit ihrem zahnlosen Mann in einem Pariser Bistro bei einem Glas Rotwein genauso gerne wie einen Hollywood-Star, solange sie oder er interessant ist. Aber ich bevorzuge es, Frauen zu fotografieren. Frauen haben eine Menge Vorzüge gegenüber Männern. Zum einen sind sie charmante Wesen, die mehr Emotionen zeigen können. Sie sind magisch, stark, mutig und verletzlich zugleich. Um auf Deine Frage zurückzukommen, wenn ich mir eine Person aussuchen könnte, die ich fotografieren würde – wahrscheinlich Jesus.

 


Und warum?


Weil ich der erste wäre, der Jesus fotografiert (lacht). Diese unfassbare Nächstenliebe in Bildern festzuhalten und eine Geschichte darüber erzählen zu können, wäre ein großes Geschenk für mich.